Ich und der ganz andere

Irland wagt ein Experiment: Eine Versammlung aus hundert Bürgern diskutiert wichtige Themen und beeinflusst das Parlament. So ist lebendige Politik entstanden - und eine Freundschaft zweier Männer, die füreinander erst nur Vorurteile übrig hatten.

Finbarr O’Briens trauriges Leben, das bisher 62 Jahre dauert, kennt auch Schönheit. Die Geburten seiner beiden Söhne. Nachmittage mit seinen Enkelkindern. Auch der Moment, als er erfuhr, dass sich der Mann, dessen Namen er nicht ausspricht, umgebracht hat. Aber die beste Zeit seines Lebens, sagt Finbarr O’Brien, war eine andere. Sie währte etwas mehr als ein Jahr und begann an einem Tag im Herbst 2012, der gewöhnlicher nicht hätte sein können. Als hätte diese unwahrscheinliche Großartigkeit, die auf ihn wartete, einen feinen Sinn für Ironie.

Wie an jedem Arbeitstag steuert Finbarr damals seinen Van die 110 Kilometer rund um das südirische Städtchen Macroom über sanfte grüne Hügel und schmale steinerne Brücken, 540 Briefkästen. Nachdem er alle Pakete und Briefe zugestellt hat, trinkt er auf dem Heimweg einen Kaffee. Er sitzt allein an einem Tisch, als eine Frau das Café betritt.

Er kennt sie, wie er fast jeden hier kennt. O’Brien ist ein guter Briefträger. Keiner, der neugierig Postkarten liest. Einer, dem die Menschen von sich aus erzählen, was drinsteht. Dem sie verraten, wo sie einen Schlüssel versteckt haben, falls sie mal nicht zu Hause sind. O’Brien weiß, wer hier welches Auto fährt, wer welche Krankheit hat, in welchen Städten die Kinder studieren und welches Futter die Hunde kriegen.

Von der Frau, die an diesem Tag das Café betritt, weiß er, dass sie Caroline heißt und für so etwas wie ein Meinungsforschungsinstitut arbeitet. Sie kommt an seinen Tisch. Finbarr, fragt sie, hast du Lust, ein Jahr lang für jeweils ein Wochenende im Monat nach Dublin zu fahren, um über eine neue Verfassung für Irland zu beraten?

Er lacht.

Nein, sagt sie, das meine sie ernst.

Finbarr hat eine Ahnung, was die Verfassung ist. Was das Problem mit ihr sein soll, weiß er nicht. Er fragt, was das alles mit ihm zu tun habe.

Sie habe den Auftrag, Teilnehmer für eine Bürgerversammlung zu suchen, ein Experiment, das die Regierung machen wolle. Dieser Versammlung sollen normale Iren angehören, sagt sie, Menschen wie du und ich. Man müsse nichts können. Bezahlt werde man nicht. Die Reisekosten würden erstattet. Ob er Lust habe?

Irland leidet in dieser Zeit, wie viele westliche Demokratien, an einer Wirtschaftskrise, die übergeht in eine Vertrauenskrise. Viele Iren empfinden ihre Eliten und das politische System als ungerecht. Aber während andere Regierungen ihre Kritiker ignorieren, diskreditieren und von der Macht fernhalten, entscheidet sich Irland für das Gegenteil.

Warum das Volk nicht mal machen lassen? Was, wenn man die Menschen mitentscheiden lässt – nicht über Kleinkram, sondern über einige der wichtigsten Themen, die Irland umtreiben? Über eine Reform des Wahlrechts. Über die Abschaffung des Senats. Und warum nicht auch über eine der umstrittensten Fragen überhaupt: die Legalisierung der Homo-Ehe?

Die Verfassung verbietet die gleichgeschlechtliche Ehe, und die katholische Kirche, mächtig in Irland, will, dass das so bleibt. Aber irgendwie hat sich der Zeitgeist ja weiterentwickelt, merkt auch die konservative Regierung. Man müsste sich das mal anschauen. Wenn sie das selbst tut, wird das Ergebnis irgendwem missfallen, der Kirche, den LGBT-Verbänden, der Opposition. Wenn aber das Volk entschiede, hätte das eine unanfechtbare Legitimität.

Referenden scheiden aus. Zu viele Menschen im Land sind wütend, und wenig zieht Wut mehr an als Volksabstimmungen, das weiß die Regierung in Dublin auch vier Jahre vor dem Brexit-Wahnsinn im Nachbarland. Nein, die Lösungen sollen durchdacht sein, abgewogen und klug.

Also wagt Irland jenes Experiment. Hundert Bürger sollen zusammenkommen, zufällig gewählt aus dem Wahlvolk, aber so, dass die gesamte Gruppe repräsentativ ist, Frauen und Männer, Alte und Junge, Gut- und Geringverdienende, Leute aus der Stadt und Leute vom Land. Sie sollen über all die wichtigen Themen beraten. Wissen müssen sie nichts, man wird ihnen Zeit geben und Informationen, sodass sich die Ahnungslosen bilden, die Wütenden beruhigen und die Fehlgeleiteten überzeugen lassen können. So wird der Zorn aus der Debatte gewaschen wie Gestein, bis nur noch Gold übrig bleibt, eine abgewogene, von Fakten gestützte, repräsentative Meinung, wie die Zukunft Irlands aussehen soll.

Könnte schiefgehen, klar. Aber es gibt eine Vorsichtsmaßnahme. Die Versammlung kann nicht einfach so entscheiden. Sie empfiehlt nur. Das Parlament muss sich nicht daran halten. Ein Meinungsforschungsinstitut wird damit beauftragt, Teilnehmer zu finden. Nur eine Änderung gibt es dann doch noch. Es sollen nicht mehr hundert Bürger sein, sondern nur noch 66. Ein Drittel der Plätze soll jetzt an Politiker gehen.

So kommt es, dass wenig später, 250 Kilometer südwestlich von Dublin, im kleinen Macroom, wo es grün ist und viel regnet, eine Frau namens Caroline vor dem kaffeetrinkenden Briefträger Finbarr O’Brien steht, einem gedrungenen Mann mit rundem Kopf und schüchternem Lachen, der das alles erst mal für einen Scherz hält – und dann absagt.

Ich bin nicht gebildet und verstehe nichts von Politik. Bei uns auf dem Land ist das Interessanteste, wenn mal ein Pferd durchs Dorf galoppiert oder so was. Was ich in meinem Leben gemacht habe, ist Lastwagen fahren. Hängende Rinderhälften, Baumstämme, so was in der Art. Seit einigen Jahren trage ich die Post aus. Ich habe nicht studiert, nur einige Jahr Schulbildung. Was soll ich in Dublin? Das wäre mir zu hoch, ich würde mich zum Idioten machen. So dachte ich damals.

Wenn man Finbarr O’Brien fünf Jahre später besucht und eine halbe Stunde zu früh dran ist, sitzt er trotzdem schon in einem Sessel der Hotellobby, die er als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Er drückt die Hand, auf merkwürdige Weise fest und zögerlich zugleich, er schaut unsicher, aber nicht misstrauisch, und sagt, bis gerade eben habe er die ganze Sache mit dem Interview für einen Scherz gehalten, für einen Telefonstreich von irgendwem mit deutscher Telefonnummer. Er frage sich, warum sich jemand im Ausland für ihn interessieren solle.

Auf diese Frage gibt es viele richtige Entgegnungen, die vielleicht wichtigste ist, dass in seiner Geschichte eine Antwort auf eine Frage steckt, die Menschen von Washington bis Berlin quält: Wie lässt sich dem Volk wieder Vertrauen in die Politik einhauchen?

Finbarr O’Brien war die irische Version des wütenden, alten, weißen Mannes. Gut möglich, dass er für Trump gestimmt hätte, wäre er Amerikaner. Oder für die AfD, wäre er Deutscher. Er hasste Politiker, ekelte sich geradezu vor ihnen. Wie sie im Wahlkampf Sonne, Mond und Sterne vom Himmel herunter versprachen und sich nach der Wahl nicht mehr daran erinnerten! Wie sie vorher Kinderköpfe küssten und dann nicht mehr grüßten! Wie wichtig sie sich nahmen, mit ihren Abschlüssen und Diplomen und Buchstaben hinter ihren Namen!

Heute besitzt er eine Sonderausgabe der irischen Verfassung, in Leder gebunden. Manchmal schaut er hinein und versucht, die Unterschriften zu entziffern. Auf dem Buchdeckel vorn, im Einband, rund um das Inhaltsverzeichnis – wo Platz war, finden sich Kritzellinien. Viele stammen von Politikern. Einige haben dazugeschrieben: »Es war schön, dich kennengelernt zu haben« – »Es war schön, mit dir zu arbeiten« – »Danke!«

Caroline lässt an jenem Tag im Herbst 2012 im Café ihre Telefonnummer da. Falls Finbarr es sich anders überlegt. Am Abend kassiert er einen Anschiss von seinem ältesten Sohn. Dad, sagt der, so eine Chance kriegst du nur einmal, außerdem kannst du nicht über Politiker schimpfen und dich bei so etwas verweigern! Sein Sohn hat Recht.

Als Caroline das Telefon abhebt, hofft Finbarr, dass sie jemand anderen gefunden hat. Hat sie nicht.

Wenige Wochen später, an einem Dezembertag, steigt Finbarr aus einem Taxi und schaut empor an der von monarchischem Glanz zeugenden Fassade von Dublin Castle. Einst residierten hier Könige. Im modernen Irland schwört in diesen Räumen der Präsident seinen Eid. Heute eröffnet der Premierminister hier die Bürgerversammlung. Finbarr hat Angst.

Drinnen ist alles riesig, Räume, Vorhänge, Lampen. Die Gemälde erzählen Geschichten, von denen er nichts weiß. Er betritt einen prunkvollen Saal, darin Stuhlreihe um Stuhlreihe. Er würde sich gern nach hinten setzen, aber er hört nicht so gut, da hätte er auch zu Hause bleiben können. Er geht nach vorn.

Videoaufnahmen zeigen ihn in der zweiten Reihe sitzend, dort aber ganz links außen, als habe er doch noch versucht, den Abstand zum Geschehen zu maximieren. Er trägt ein kariertes Kurzarmhemd, und einmal, als die Kamera ins Publikum schwenkt, kratzt er sich am Kopf.

Von den Worten des Regierungschefs behält er nichts. Aber dann spricht ein weißbärtiger Mann, der sich als Tom Arnold vorstellt, ein prominenter Ökonom, der zum Vorsitzenden der Bürgerversammlung bestimmt worden ist. 66 Bürger, 33 Politiker und Tom Arnold, hundert Menschen. Arnold sagt, die Iren vertrauten ihren Eliten nicht mehr. Stimmt, denkt Finbarr. Arnold sagt, man sei hier, um die Demokratie zu bewahren, er zitiert den irischen Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney und sagt: »Die Väter unserer Verfassung haben 1937 einen guten Job gemacht. Jetzt sind wir dran.«

Finbarr hat Gänsehaut.

Der Saal klatscht, der Premierminister, der Parlamentspräsident, die Abgeordneten und Minister, die vielen Menschen, die Finbarr nicht kennt, auch er. Was in Gottes Namen macht er hier?

Einen Monat später, an einem Samstagmorgen Ende Januar 2013, betrachtet Finbarr in einem Hotel nördlich von Dublin eine Informationswand. Er findet seinen Namen. Tisch vier. Es ist das erste Arbeitstreffen, es geht um die Reform des Wahlrechts. Nächstes Mal um die Frage, ob die Amtszeit des Präsidenten verkürzt werden soll. In drei Monaten dann um die Legalisierung der Homo-Ehe.

Finbarr tritt in einen riesigen Konferenzraum, Deko in Irlandgrün, hinten stehen Kameras, vorn eine Bühne, dazwischen große runde Tische. Vereinzelt sitzen dort schon Menschen, Tisch vier, ziemlich weit vorne, ist leer. Finbarr kommt nicht gern zu spät und deswegen oft zu früh. Er setzt sich.

Wenige Momente später tritt ein junger Mann an den Tisch. In seiner Lippe glänzen zwei Piercings, die Haare hat er links und rechts abrasiert, nur oben stehen sie steif empor. Finbarr sieht, dass der Mann seine Augen geschminkt und seine Fingernägel lackiert hat, jeden in einer anderen Farbe des Regenbogens. Finbarr denkt, dieser Mann ist schwul – und spürt in seiner Brust, wo bisher vor allem Aufregung herrschte, ein vertrautes, alles überlagerndes Gefühl aufsteigen. Panik.

Ich dachte sofort, den schlage ich durchs Fenster. Meine Gedanken waren außer Kontrolle. In meinem Kopf war ich wieder in meinem Kinderzimmer, neun, zehn Jahre alt. So klar und deutlich, wie ich das gepiercte Gesicht des Mannes vor mir sah, erschien vor meinem inneren Auge ein anderer Mann, Krawatte, tadellos gebunden, ich roch seinen Raucheratem. Das war viele Jahre her und trotzdem wie gestern. Er war ein Freund meiner Eltern, und wenn er zu uns kam, fragten sie immer: Bleibst du über Nacht? Ich hoffte jedes Mal, er würde Nein sagen. Er sagte selten Nein. Er kam dann zu mir, etwa zwei Jahre lang, immer wieder. Ich hoffte, das Haus würde über uns zusammenstürzen und uns alle begraben.

Der junge Finbarr erduldet den Missbrauch. Er spricht nicht darüber, aber in seinem Kopf rasen die Gedanken. Sein Kinderhirn verwebt in dieser Zeit zwei Dinge zu einem.

Männer, die sich sexuell zum selben Geschlecht hingezogen fühlen.

Gewalt gegen Kinder.

Die Schlussfolgerung ist für ihn zwangsläufig: Schwule sind pädophil. Auch wenn er die Worte für diesen Gedanken erst später lernt, brennt er sich doch in jenen Kindertagen in ihm fest, still und ungestört, denn Finbarr erzählt niemandem, was der Mann mit ihm macht. Auch nicht seinen Eltern. Da hätte er sich eine Ohrfeige abgeholt, sagt er, sie hätten ihm nicht geglaubt, der Mann sei ein Gott in ihrem Haus gewesen.

Natürlich ist das alles zu viel für ihn, viel zu viel, als Jugendlicher beginnt er zu trinken, oft bis zur Besinnungslosigkeit. Er meidet Menschen, rastet aus, wenn ihn ein Mann berührt, und sei es aus Versehen. Wie ein Knall im Alltag nach dem Krieg manche Veteranen zurück aufs Schlachtfeld katapultiert, reicht Finbarr das Gefühl von Männerhaut auf Männerhaut, und bevor er nachdenkt, hat er schon zugeschlagen. Bis heute kann er keine Männer umarmen.

Als er alt genug ist, fährt er manchmal die eine Stunde nach Cork, wo der Mann angeblich lebt. Er läuft dann stundenlang durch die Straßen und sucht nach ihm.

Hätte ich ihn gesehen, hätte ich ihn totgeschlagen.

Finbarr wird Lkw-Fahrer, weil er so nicht viel mit anderen zu tun haben muss. Einmal legt er sich einen Strick um den Hals und springt. Da muss er ungefähr zwanzig gewesen sein. Wäre alles gut gegangen, sagt er, wäre er nicht hier. Aber der Strick reißt und verletzt lediglich seinen Kehlkopf, seine Stimme ist seither so heiser wie die eines Trinkers nach einer durchzechten Nacht.

Als Finbarr erfährt, dass der Mann sich umgebracht hat, nimmt er sich vor, das Grab niederzureißen. Aber als er dann davor steht, nicht mal einen Kilometer von seinem Haus entfernt, schüttelt er nur den Kopf. Viele Jahre ist das her, aber in Finbarrs Kopf lebt der Mann weiter, immer irgendwie da, immerzu drohend.

Stell dir vor, du hast eine Schnittwunde am Arm, die genäht wurde. Sie juckt und juckt, und alles, was du willst, ist kratzen. Ich habe dieses Gefühl seit fünfzig Jahren an einer Stelle, an die ich nicht rankomme. Es gibt kein Türchen in meinem Hinterkopf, das ich öffnen kann, um hineinzufassen.

Finbarr heiratet, seine Frau erfährt nichts. Seine Söhne werden zu Männern, sie erfahren nichts. Jahrzehntelang bekommt niemand die Gelegenheit zu korrigieren, woran er seit Kinder- tagen fest glaubt. Schwule haben auf dieser Welt nichts zu suchen, sie gehören nur an einen Ort, sechs Fuß unter die Erde.

Er ist fast fünfzig, als der giftige Gedanke zum ersten Mal angegriffen wird. Eine Therapeutin, zu der ihn sein Arzt schickt, erklärt ihm den Unterschied zwischen Homosexualität und Pädophilie. Simpel eigentlich, aber für ihn ist es eine Offenbarung. Er will ihr glauben, es ist schwer.

Noch etwas bringt sie ihm bei. Wenn die Panik kommt, sagt sie, soll er sich zurücklehnen und umschauen, ganz genau um- schauen. Er soll dann beschreiben, was er sieht, die Farbe der Wände, die Motive der Bilder, die Menschen im Raum, ihr Aus- sehen, ihre Kleidung, so, sagt sie, bringe er sich aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart, von einem Ort des Schmerzes an einen Ort der Sicherheit.

Es funktioniert. Er benutzt den Trick ständig. Es fühlt sich an, als habe er endlich einen Weg gefunden, sich zu kratzen, zumindest für kurzfristige Linderung zu sorgen.

So denkt Finbarr, er sei bereit, als er erfährt, dass eines der Themen der Versammlung die Homo-Ehe sein wird. Er ist sogar neugierig. Er ist nie wissentlich einem Schwulen begegnet, nicht seit dem Missbrauch, und vielleicht war der Mann damals gar nicht schwul, sondern nur pädophil, seit er den Unterschied kennt, ist er sich nicht mehr sicher.

Aber dann sitzt Finbarr Ende Januar 2013 etwas verloren in diesem riesigen Hotel, in seinem Kopf die halbverstandenen Regeln des Wahlsystems, um das es an diesem ersten Arbeitswochenende nach der Eröffnungszeremonie gehen soll, und plötzlich könnte das alles nicht egaler sein, plötzlich sieht er diesen Mann, Piercing und Fingernägel und alles, und schon schwillt in seiner Brust die Panik.

Zurücklehnen, umschauen.

Großer Saal, holzvertäfelte Wände, braun-beige gemusterter Teppichboden, in den Raum strömende Menschen.

Der Gepiercte setzt sich ihm gegenüber, und Finbarr muss sich sehr konzentrieren, um ihn zu ignorieren.

Ernsthaft? Das ist der erste Typ, dem ich hier begegne? Ich sah ihn auf meine Fingernägel starren, er fühlte sich offensichtlich unwohl. Wahrscheinlich hatte ich es übertrieben mit dem Schwulen-Look. Irokesenschnitt, Eyeliner, Fingernägel, weniger hätte es auch getan. Ich guckte ihn an, er starrte in die Luft. Also dachte ich, okay, Gentlemen’s Agreement, du schaust mich nicht an, ich schaue dich nicht an, vorstellen müssen wir uns nicht, auf deinem Namensschild steht Finbarr O’Brien, auf meinem Chris Lyons. Bei mir lief sofort der Film ab, älterer irischer Mann, mein ganzes Leben kämpfte ich gegen solche Leute und ihre Werte, immer wieder musste ich sagen, wisst ihr, ich bin nicht pervers, ich bin ein vollwertiger Mensch. Selbst meine Mutter hielt mich für pädophil, als ich ihr mit 17 sagte, dass ich schwul bin. Das ist in dieser Generation nicht ungewöhnlich. Wahrscheinlich, weil Homosexualität immer tot- geschwiegen wurde, nur in einem einzigen Kontext wurde darüber gesprochen: Wenn sich ein Kerl an einem Jungen vergriffen hatte. Natürlich hat das eine nichts mit dem anderen zu tun, aber das verstanden viele nicht. Mein Coming-out zerrüttete unser Familienleben. Mein Vater fuhr mich zurück zur Uni nach Cork und sagte, ich solle nicht wieder nach Hause kommen. Niemand dürfe von der Schande erfahren, die ich über die Familie gebracht hätte. In Cork gab es andere Schwule, das war gut. Nicht gut war, dass vor dem einzigen Pub, wo man als Schwuler feiern konnte, die Jungs warteten. Sie füllten Müllsäcke mit Glas und warfen sie nach uns, einmal traf mich einer so blöd, dass er mir den Hinterkopf aufschnitt, wir lachten das weg, haha, ich wurde wieder angegriffen, es war einfach nur traurig, Cork hat die höchste Suizidrate unter jungen Männern im ganzen Land.

Chris Lyons ist 26, als ihm die Mutter eines Freundes, die bei einem Meinungsforschungsinstitut arbeitet, im Herbst 2012 eine E-Mail schickt und fragt: Willst du da mitmachen?

Seine Traurigkeit ist mittlerweile in Aktivismus umgeschlagen. Er ist wütend. Irland soll noch eine Chance bekommen, sagt er damals. Entweder er kriegt volle Rechte – er will heiraten und Kinder adoptieren dürfen, und diese Kinder sollen, wenn ihm etwas zustoßen sollte, Gott behüte, seinen Besitz erben. Wenn das nicht in den nächsten zwei Jahren Realität wird, nimmt er sich vor, wandert er aus. Er hat schon nach Häusern in Kanada geschaut.

Ich fuhr nicht nach Dublin, um zu fragen: Darf ich bitte heiraten? Ich fuhr hin, um zu schreien: Geht mir endlich aus dem Weg! Die Versammlung würde darüber entscheiden, ob ich in Irland bleiben würde. Das sollte jeder dort wissen. Dafür mussten erst mal alle erfahren, dass ich schwul bin, also zog ich mich am ersten Tag so klischeehaft an, wie ich im Alltag nie herumlaufen würde. Als ich ankam, war mein Selbstbewusst- sein weg. Da waren kaum junge Leute, viel altes Irland, ich ging durch den Saal und bekam es mit der Angst zu tun, dann fand ich meinen Tisch, und da saß Finbarr.

Auf eine Art ist die erste Person, der beide, Finbarr O’Brien und Chris Lyons, auf der Bürgerversammlung begegnen, die schlimmstmögliche. Die, die in Sekunden ihr Lebenstrauma wachruft, und das in einer Situation, in der sich beide ohnehin unwohl und verletzlich fühlen. Einige Momente sitzen sie einander schweigend gegenüber, dann füllt sich der Tisch.

Neben mich setzte sich eine Frau, ich fragte sie, wer sie sei, und sie so: Wie, du weißt nicht, wer ich bin? Offensichtlich war sie eine Politikerin. Dann ging die Vorstellungsrunde los, ich weiß nicht mehr, was Finbarr sagte, aber insgesamt war mein Eindruck, dass alle viel reifer waren als ich, Erwachsene mit Karrieren und Häusern und Autos. Ich war der Welpe, der sich verirrt hatte. Als ich dran war, war ich so verunsichert, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Also sagte ich, was ich dachte: dass ich mich fehl am Platz fühlte. Dass ich wahrscheinlich nicht genug Selbstvertrauen haben würde, um zu bleiben. Dass ich Angst hatte. Gegenüber fing Finbarr heftig an zu nicken.

Chris sagte genau das, was ich fühlte! Bei den anderen hätte man denken können, die machen das jeden Tag. Chris und ich waren anders. Es war seltsam, er sah aus, wie ich mir einen Schwulen vorgestellt hatte, aber was er sagte, war so ehrlich und wahr.

Ich konnte sehen, wie meine Worte bei Finbarr verfingen, also redete ich weiter, sagte, ich wisse nicht, warum ich hier sei, zwischen all diesen wichtigen Menschen. Er wäre fast über den Tisch gekommen, so sehr war er meiner Meinung. Dann sagte er: Mir geht es genau wie Chris. Das war einer der Aha- Momente meines Lebens. Da beschloss ich, okay, ich verbringe die Wochenenden hier mit Finbarr. Mir egal, dass er homophob ist. Darum kümmere ich mich später.

Auf eine Art ist die erste Person, der beide, Finbarr O’Brien und Chris Lyons, auf der Bürgerversammlung begegnen, die bestmögliche. Finbarr und Chris wissen es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber hinter ihrer Verschiedenheit verbirgt sich viel Gemeinsames.

In der ersten Teepause halten sie Smalltalk. Beim Mittag- essen sitzen sie nebeneinander. Beim Abendessen lachen sie über die Geschichte vom Nachmittag, als es um das Wahlrecht ging und Experten Vorträge hielten mit komplizierten Formeln und Zahlen und Graphen und der Moderator irgendwann von der Bühne fragte, ob das alle verstanden hätten, und sich im Saal eine Hand hob, Finbarr O’Briens Hand, und er sagte, nein, er verstehe weniger als vorher, und der Moderator antwortete, kein Problem, man könne nur so schnell sein wie das langsamste Pferd im Stall, was Finbarr sympathisch weglachte, und dann haben sie es noch mal erklärt, worüber Chris froh war, denn in Wahrheit hatte er auch nicht alles verstanden.

Abends sitzen sie an der Bar und trinken Bier. Finbarrs Angst geht nicht weg, nicht ganz, aber er spürt, wie sich die Worte seiner Therapeutin mit Realität füllen. Immer wieder ist er überrascht vom Unterschied zwischen Chris’ Äußerem, das genau seiner Erwartung entspricht, und Chris’ Art, die ganz anders ist, als er sich Schwule immer vorgestellt hat, so normal.

Fortan ist das Versammlungswochenende etwas, auf das sich Finbarr jeden Monat freut. Er kommt immer schon am Freitagnachmittag im Hotel an, Chris erst am späten Abend. Finbarr wartet dann auf ihn an der Bar. Sie reden bis nachts, über Finbarrs Enkel, über Chris’ IT-Job, auch über die Themen, die anstehen, soll die Amtszeit des Präsidenten auf fünf Jahre gesenkt werden? Und das Alter für Wahlberechtigte von 18 auf 17?

Zu Beginn sprechen sie auch oft über die Politiker in der Versammlung, darüber, dass es beim Essen Tische gibt, an denen sie unter sich bleiben.

Eigentlich sind sie ja in einer Situation, in der sie alle Politiker sind, Tom Arnold hat als Vorsitzender eine besondere Rolle, aber die übrigen 99 sind gleichberechtigt.

Nur verhalten sich die 33 anders als die 66. Finbarr käme nicht auf die Idee, sich ständig das Mikro zu greifen und minutenlang zu reden, ohne irgendetwas zu sagen, wie es diese Senatorin macht. Es ist bizarr, alle hören ihr zu, dann setzt sie sich wieder, und es geht weiter, als wäre nichts geschehen. Es scheint ihr nicht darum zu gehen, die Debatte voranzubringen. Was sie verzweifelt zu suchen scheint, ist Sichtbarkeit.

Sichtbarkeit ist etwas, was Finbarr nicht gleichgültiger sein könnte. Er fragt, wenn er etwas nicht versteht, und antwortet, wenn er gefragt wird. Er will dem Thema gerecht werden, wenn er das schweigend tun kann, umso besser.

Aber je länger die Versammlung dauert, bemerken Finbarr und Chris, desto mehr verwischt der Unterschied zwischen den 33 und den 66. Beim Essen mischen sich die Gruppen. Manchmal fährt Chris mit einer Politikerin Zug, und sie unterhalten sich nett.

Mit der Zeit verändern sich auch die Gespräche zwischen Finbarr und Chris – sie werden persönlicher. Chris erzählt von seinem Coming-out, davon, dass seine Mutter ihn für pädophil hielt und die einzige Sorge seines Vaters die Geheimhaltung war, während Chris es stolz in alle Welt hinausschreien wollte.

Finbarr hört zu und merkt, dass er noch einem Fehlschluss aufsaß, einem, an dem auch die Gespräche mit seiner Therapeutin nichts geändert haben. Wenn er an Homosexualität dachte, entstanden in seinem Kopf sofort Bilder von zwei Männern, die Dinge miteinander taten, die ihn anekelten. Homosexualität war für ihn Sexualität. Aber in den Gesprächen an der Hotelbar versteht er, dass es nicht in erster Linie um Sex geht, sondern um Liebe, um Familie, um Alltag.

Chris teilt Dinge mit Finbarr, die selbst gute Freunde nicht wissen, und er spürt, je mehr er sich öffnet, desto mehr versucht auch Finbarr, etwas loszuwerden.

Es gab kaum ein Gespräch, in dem Finbarr nicht wieder unser Kennenlernen ansprach. Ich war perplex, er fing immer wie- der damit an, Chris, weißt du noch, am ersten Tag? Ich wusste gar nicht, wo ich hingucken sollte ... Irgendwann verstand ich, dass er gedanklich immer wieder in diese Situation zurückkehrte, weil er noch etwas zu sagen hatte. So war es dann auch, das Gespräch begann wie immer, aber dann redete er einfach weiter. Er erzählte nicht alles, aber genug, dass ich verstand.

Bei den anderen Mitgliedern der Versammlung wird die unwahrscheinliche Freundschaft zwischen dem jungen Schwulen, dessen Frisur jedes Wochenende eine neue Farbe und Form annimmt, und dem alten Briefträger aus Macroom zu einer Geschichte, die man sich erzählt.

In gewisser Weise hilft das Chris bei seinem ursprünglichen Ziel, hier so laut wie möglich für Schwulenrechte einzutreten. Denn wann immer die anderen über ihn und Finbarr reden, reden sie auch über seine Homosexualität.

Mittlerweile ist er gar nicht mehr so pessimistisch, was die Abstimmung über die Homo-Ehe angeht. Finbarr hat er ziemlich sicher überzeugt, denkt er. Dann wird das doch auch bei anderen geklappt haben. Andererseits war er sich damals, mit 17, auch sicher, dass seine Eltern ihn akzeptieren würden.

Mitte April 2013 trifft sich die Versammlung zur Sitzung, in der es um die Homo-Ehe gehen soll. In den Monaten zuvor haben sie Empfehlungen beschlossen, das Wahlalter auf 17 zu senken und die Amtszeit des Präsidenten bei sieben Jahren zu belassen. Aber dieses Wochenende fühlt sich für viele Mitglieder an, als sei es der eigentliche Grund, warum sie hier sind.

Am Samstag wird beraten, am Sonntag abgestimmt. Finbarr sitzt ziemlich weit vorn, Chris einige Tische weiter. Experten und Lobbyisten referieren Argumente, Kindeswohl und Adoptionsrecht, Biologie und Theologie. Hinten im Saal laufen die Kameras, die Journalisten tippen in ihre Laptops. Niemand daddelt am Handy rum, kaum jemand redet mit dem Nachbarn, einige machen sich Notizen.

Eigentlich ist diese Versammlung nichts anderes als ein Parlament, eine Volksvertretung, nur dass diese hier nicht gewählt, sondern vom Zufall bestimmt ist. Dennoch könnten sie unter- schiedlicher kaum sein.

Hier gibt es kein Geschrei. Kein rhetorisches Theater. Keinen ritualisierten Austausch vorher festgelegter Standpunkte. Die Bürger haben keine Partei, die ihnen sagt, welche Meinung sie vertreten sollen. Jeder kämpft allein mit sich und seinen Gedanken, es gibt Leute, die ändern an einem Tag drei Mal ihre Meinung, weil sie nacheinander drei Argumente hören, die sie überzeugen. Mehr Wortmeldungen enden mit Frage- als mit Ausrufezeichen. Aber anders als im Parlament, wo Fragen oft rhetorisch sind, sind sie hier aufrichtig gemeint. Kein Trick, um den politischen Gegner anzugreifen, sondern ein Instrument auf dem Weg zur Erkenntnis.

Als an jenem Samstagmorgen die Debatte beginnt, ist Finbarr O’Brien ziemlich gut informiert. Nach den vielen Gesprächen mit Chris kennt er die meisten Argumente. Wahrscheinlich wird er morgen für die Homo-Ehe stimmen, auch weil er weiß, was für Chris auf dem Spiel steht. Nur eines macht ihn noch unsicher. Die Sache mit den Kindern. Wie können zwei Männer Kinder bekommen? Und werden die nicht fies gehänselt in der Schule? Sollte man das Kindern antun? Dann betritt am Samstagnachmittag eine junge Frau die Bühne, und Finbarrs Sinne schärfen sich.

Guten Tag, mein Name ist Claire O’Connell, ich bin 22 Jahre alt und studiere Medizin. Wir sind ein typischer Haushalt, nur dass ich zwei Mütter habe. Leute fragen mich: Wie ist das mit zwei Mamas? Meine Antwort enttäuscht sie dann, denn meine Kindheit war ziemlich gewöhnlich. Meine Eltern verbanden mir das Knie, wenn ich hingefallen war, und trösteten mich, wenn ich weinte. Dann fragen die Leute: Wurdest du nicht gehänselt? Wieder muss ich sie enttäuschen. Die meisten meiner Freunde fanden sogar cool, dass ich zwei Mütter habe. Der Running Gag war, dass meine Familie die normalste von allen ist.

Finbarr beschließt, mit Ja zu stimmen. Dann kommt auf der Bühne die Gegenseite zu Wort, die Kirchenvertreter. Die Natur habe Mann und Frau gemacht, argumentieren sie. Nur so könnten Kinder entstehen. Ein katholischer Bischof spricht über die Liebe der Kirche zur Institution der Ehe, die unglaublich wertvoll sei und jetzt auf dem Spiel stehe. Finbarr denkt an die vielen Jungen, die von Männern der Kirche missbraucht werden, so wie er damals missbraucht wurde, er denkt darüber nach, wie die Kirche sich wegduckt bei der Aufarbeitung, wie sie Täter auf andere Posten versetzt, wo sie es dann wieder tun. Und trotzdem besitzt dieser Bischof die Frechheit, sich hier als moralische Autorität aufzuspielen. Finbarrs Fäuste ballen sich. Er zittert vor Wut. Er muss jetzt etwas sagen, das spürt er, dem Bischof etwas entgegensetzen. Wenn nicht, wird er sich das später vorwerfen.

Dann steht er auf einmal da, Finbarr O’Brien, weinroter Pulli, darunter ein weißes Hemd, seine rechte Hand umklammert das Mikrofon, eine Kamera zoomt an sein Gesicht heran und schickt die Bilder live ins Netz. Er hat sich keine Worte zurechtgelegt, sie kommen von allein.

Das größte Problem der Menschen ist Ignoranz. Sie wissen nicht genug. Mir persönlich ging es genauso. Vor vielen Jahren wurde ich missbraucht, und danach habe ich das automatisch gleichgesetzt, schwule Männer und Missbrauch. Ich wusste es einfach nicht besser. Aber dann lernte ich, dass homosexuelle Menschen, Männer wie Frauen, normale Menschen sind.

Er spricht nicht aus, dass er am nächsten Tag für die Homo-Ehe stimmen wird, aber jeder im Saal hört es. Finbarr setzt sich. Nach der Sitzung geht er geradewegs an die Bar und stürzt einen doppelten Whiskey. Dann kommen die Gratulanten, einer nach dem anderen wollen sie seine Hand schütteln. Zwei Menschen, von denen er es nie gedacht hätte, erzählen ihm, dass sie homo- sexuell sind und was es ihnen bedeutet habe, was er gesagt habe.

Am nächsten Tag stimmen 79 Mitglieder der Bürgerversammlung für die Verfassungsänderung – 79 Prozent für die Legalisierung der Homo-Ehe in einem der katholischsten und konservativsten Länder Europas.

Schwer zu sagen, wie viel Anteil Finbarr O’Brien daran hat. Chris Lyons sagt, es sei mehr gewesen als der eine Stimmzettel, den sein Freund in die Urne gesteckt hat. Finbarr habe mit seiner Rede andere überzeugt, ihm zu folgen, da sei er sich sicher. Jeder im Raum habe gemerkt, dass die Rede ein kathartischer Moment für Finbarr gewesen sei. Alle hätten sie an seinen Lippen gehangen, wie man es nur bei jemandem tut, der keine Unehrlichkeit in sich trägt, bei Finbarr gebe es kein Vorgaukeln, kein Weglassen, kein Lügen, dafür liebten ihn die Leute. In dieser Hinsicht, sagt Chris, sei Finbarr das Gegenteil eines Politikers.

Aber war er nicht gerade deswegen ein herausragender Politiker? Ist nicht das, was Finbarr an diesem Wochenende tat, die Definition von Politik? Mit den richtigen Worten und der eigenen Persönlichkeit einen Nerv zu treffen? So aufrichtig zu sein, dass andere einem folgen?

Wenn man Menschen interviewt, die mit im Raum waren, eine Lehrerin aus Dublin, eine Tänzerin aus Kildare, eine Sozialarbeiterin aus Wexford, einen Politologen vom University College Dublin, den Vorsitzenden Tom Arnold, dann gibt es zwei Dinge, die alle irgendwann sagen. Dass sie sich privilegiert fühlten, dabei zu sein. Und dass man unbedingt noch mit diesem Briefträger aus Macroom sprechen solle, sein Name sei Finbarr ...

Finbarr O’Brien, der die Unsichtbarkeit bevorzugt hatte, war vielleicht die sichtbarste Person der Versammlung. Den Namen der schwadronierenden Senatorin erwähnt keiner der Interviewpartner.

Das Parlament folgt der Empfehlung der Bürgerversammlung: Es setzt ein Referendum zur Homo-Ehe an, denn ohne eine Volksabstimmung kann die irische Verfassung nicht geändert werden. Am 22. Mai 2015 stimmt Irland ab. Die anderen Empfehlungen, etwa zum Wahlrecht, wurden bisher nicht um- gesetzt. Wahrscheinlich ist das Homo-Ehe-Referendum das best- vorbereitete der irischen Geschichte. Die Versammlung hat der Bevölkerung eine Empfehlung an die Hand gegeben. Ohne es zu wissen, stimmen die Iren an diesem Tag auch darüber ab, ob ihr Mitbürger Chris Lyons in Irland bleiben wird.

Chris weint in jenen Tagen viel, so gerührt ist er. Auf seinem Smartphone scrollt er immer wieder durch seinen Twitter-Feed. Unter dem Hashtag #hometovote posten Tausende Iren Bilder. Aus der ganzen Welt kommen sie nach Hause, um ab- zustimmen, aus Australien, aus den USA, aus England, auf den Bildern sieht Chris sie in Flugzeugen sitzen und aus Bussen steigen, es sind Junge und Alte, Männer und Frauen, viele halten eine Regenbogenflagge in der Hand.

Für Chris fühlt es sich an, als kämen sie für ihn persönlich. Als wollten sie ihn nach all dem Leid endlich zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft machen.

Finbarr verfolgt das Referendum vor dem Fernseher. Am Morgen war er mit seiner Frau im Wahllokal. Er hat zum zweiten Mal für die Homo-Ehe gestimmt. Wo seine Frau ihr Kreuz gesetzt hat, weiß er nicht. Er vermutet, bei Nein. Wie wahrscheinlich die meisten anderen im Ort. Wenn man nach dem geht, was die Leute im Pub oder bei der Arbeit sagen, glaubt er nicht, dass Chris in Irland bleiben wird.

Dann verkündet der Nachrichtensprecher das Ergebnis: 62 Prozent dafür. Im Fernsehen laufen Bilder von bunt angezogenen Menschen, die Freudentränen weinen. Finbarr ist stolz.

Wenn Finbarr heute über Politik spricht, tut er das als Eingeweihter. Manchmal kommt es vor, dass er im Pub oder beim Briefesortieren im Postamt Politiker verteidigt.

Es ist das politische Rätsel unserer Zeit. In den USA, in Deutschland und in fast jedem Land dazwischen fragen sich Menschen: Wie kann es gelingen, dass das Volk wieder Vertrauen in die Politik schöpft? Bei Finbarr O’Brien hat es geklappt, und es begann damit, dass die Politik ihm vertraute.

Am Ende verteidigt ein ehemaliger Wutbürger Politiker. Zwei Menschen, die einander hassen müssten, sind Freunde. 33 Politiker und 66 Bürger, zunächst nur vereint im gegenseitigen Vorurteil, haben sich angenähert. Und in einer Zeit, in der im katholischen Frankreich die Regierung die Homo-Ehe einführt, gegen riesige Proteste auf den Straßen, tut das auch das katholische Irland, still und friedlich.

Manchmal, wenn der Schmerz wieder hochkommt, öffnet Finbarr O’Brien eine Schachtel, die er im Schlafzimmer aufbewahrt, und entnimmt ihr das in Leder gebundene Buch. Jeder von ihnen hat Ende 2013 eines geschenkt bekommen, die irische Verfassung. Darin hat er alle unterschreiben lassen, Bürger wie Politiker, dann blättert er und erinnert sich. An dieser seiner besten Zeit stört Finbarr O’Briens nur eins: dass er bei der zweiten Versammlung nicht mitmachen durfte. Diesmal ohne Politiker, 99 Bürger und eine Vorsitzende. Ihr wichtigstes Thema ist noch umstrittener als das ihrer Vorgänger, ganze fünf Monate debattierten sie nur dieses – Abtreibung.

Dann stimmen sie dafür, das in der Verfassung festgeschriebene Verbot zu kippen. Die Regierung hat ein Referendum angesetzt. Es findet an diesem Freitag statt.